Luna Park
geschrieben am 02.08.2003

Als wir jung waren und voller Zweifel, h?tten wir gerne Post aus der Zukunft bekommen. Einen Brief wie diesen: (nennen wir sie ) Sabrina, 29, schreibt an ihr fr?heres, ungl?ckliches Ich:
"Liebe Sabrina, pass mal auf. Dr?ck die Zigarette aus, leg das Buch weg. H?r auf, die Ecken und Enden deines K?rpers zu bef?hlen mit unz?hligen H?nden, um zu ?berpr?fen, ob alles in Ordnung ist mit Dir. Dreh die "Kuschelrock" ab, lass den Stift fallen, nimm die Finger aus den Ohren.

Ich kann mich daran erinnern, wie sehr Du Dir immer gew?nscht hast, ich m?ge Dir schreiben. Einen Brief, der wie ein Fisch durch den Zeitstrudel taucht und aus der Zukunft zu Dir kommt. Damit du etwas hast, dem Du entgegenleben kanst. Aber ich werde Dir nicht zurufen: "Halt' durch, alles wird gut." Auch wenn es hart klingen mag: Du musst es ja doch selber schaffen, alleine k?mpfen, und weisst Du, warum ? Weil Du - weil ich - weil wir nur dann genau das werden k?nnen, was ich heute bin. Du bist 16 und hast schon vor Jahren begonnen, nach allen Regeln der Kunst an der blossen Tatsache des Da - Seins zu leiden, das heisst: an Dir selbst. Irgendwie wurdest Du ohne intakte Schale geboren und hast nicht genug H?nde, um die L?cher zu stopfen, durch die viel zu viel Welt zu Dir reinkommt.

Jedes gesprochene Wort scheint Dich zu treffen, jeder Satz, den Du liest, erz?hlt von Dir, jeder Blick mustert Dich auf seltsame Weise. Du tr?gst an allem Schuld, und jeder Ort, an den Du fl?chten willst, ist schon von Dir besetzt. Hinter Deinem R?cken wird gefl?stert, und unter den F??en vibriert der Boden, als ob er jederzeit brechen k?nnte. Du hast bereits genug nachgedacht, um zu wissen, dass es keinen Grund gibt, warum Dich jemand lieben solte. Du f?hlst Dich fremd in der Reihe von M?dchen, die damit besch?ftigt sind, sch?n und gl?cklich zu werden.

Wei Du klug bist und viel gelesen hast, weisst Du schon alles, und zwar vor allem, dass nichts, absolut nichts im Leben sich wirklich lohnt. Deshalb tr?umst Du Bilder zusammen von Dir selbst. Gibst dir neue Namen, unter denen niemand Dich kennt. Denkst Dir Frisuren aus, die sich aus Deinen Haaren nicht herstellen lassen, einen K?rper, der nie der Deine sein wird, ein Lachen, das Du niemals lachen wirst. Wenn Du SO sein k?nntest, meinst Du, w?rst Du jemand anderes und gerade deswegen endlich - Du selbst.
Lass Dir sagen: Auf leise Sohlen wird die Erkenntniss zu Dir kommen. Sei ist, wie die meisten Erkenntnisse, recht einfach und darum schwer zu begreifen: Alles auf der Welt und damit auch alles, was Dich ausmacht, l?sst sich zum Guten oder zum Schlechten verwenden. Du hast Angst, dass Deine Zweifel, Dein Selbsthass, das Gr?beln ?ber eine chaotische Welt und der st?ndige Kampf gegen unsichtbare Gegner Dich zu einem ungeliebten, verzweifelten Einzelg?nger machen. Ich kann Dich beruhigen. Sie k?nnen auch eine Kraftquelle sien, die Dir erlaubt, hinauszugehen und nach Antworten zu suchen, m?glichst viel zu sehen und zu h?ren - und auszuhalten, was Du dabei erf?hrst.

Du kannst den Mut entwickeln, den man dazu braucht, und sei es nur, weil Du glaubst, Du habest nichts zu verlieren. Ich will dir keine Ratschl?ge geben, und ich will nicht verraten, wie es weitergeht. Was will ich ?berhaupt? Glaub' es oder nicht: Ich will Dir danken. F?r die unz?hligen Stunden, w?hrend derer Du Dich gefragt hast, wie es weitergehen soll. F?r Deine Tapferkeit. Ganz einfach daf?r, dass es Dich - gab !
5.1.04 04:24
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)

 Smileys einfügen


Gratis bloggen bei
myblog.de